Bike vs. Car – Unser Sommerurlaub.

Seit diesem Sommer haben wir nach sechs Jahren Freiheit wieder ein Auto. Dafür gibt es gute Gründe und sobald möglich, werde ich das Auto auch gerne wieder los. Aber, so wie wir dieses Jahr erstmals mit eigener Familienkutsche in unseren Urlaub aufgebrochen sind, so konnten wir vor Ort so viel wie nie mit dem Fahrrad fahren. Es war eine wunderbare Sommerreise, zwei Wochen besuchten wir Freunde in verschiedenen Städten, zwei Wochen erholten wir uns von der Großstadthitze, an der Ostsee und im familiären Ferienhaus in den Vogesen. Trotz meines starken Fernwehs, das mich seit Monaten begleitet und unseren vagen Plänen einer Weltreise war es für diesen Sommer genau richtig, nicht ganz so viele Kilometer zu machen. Bis auf die Flensburger Förde waren uns keine Ziele gänzlich unbekannt und doch gab es überall neue Entdeckungen.

Köln, du alte Heimat

Mit gigantisch gutem Wetter und gigantisch guter Laune starteten wir den Sommerurlaub in der Stadt, der wir letztes Jahr den Rücken gekehrt haben. In Köln haben wir uns ein DONK-EE ausgeliehen und genossen das fantastische Sommerwetter, während wir so viele Freunde abklapperten, wie wir es zeitlich nie mit Auto oder ÖPNV geschafft hätten. Ich liebe einfach diese Flexibilität, die ein Rad in der Stadt bietet und die überraschenderweise noch viel größer wird, wenn man erstmal Kinder hat. Bei dem DONK-EE-Lastenrad-Verleihsystem von Naturstrom, dem ersten seiner Art, meldete ich mich am Tag des guten Lebens an. Der TdgL ist eine der fantastischsten Aktionen, die ich überhaupt jemals kennengelernt habe. Jedes Jahr bekommen die Bewohner und Besucher eines Kölner Stadtteils ihr „Veedel“ zur freien Verfügung. Der Stadtraum gehört dann den Menschen, alt und jung, nicht den Autos, die sonst überall stehen und fahren und denen sich alles andere unterzuordnen hat. Ich finde, jede Stadt und ihre Bewohner hat einen TdgL verdient! 2018 war unser altes Veedel, in dem wir den Großteil unserer 7 Kölner Jahre verbracht haben, Ort des Geschehens, da mussten wir einfach hin!

Bremen No. 1

Weiter ging es nach Bremen und wir hatten das Glück, dass unsere Freunde und Gastgeber Stephi und Bob in dieser Fahrradstadt einfach genug Räder haben, um uns damit auszustatten. Nachdem unser Sohn Hugo etwa 30 Minuten nach unserer Ankunft im Straßengraben gelandet ist, mussten wir einen kurzen Zwischenstopp im Kinderkrankenhaus einlegen – er trägt jetzt Narbe am Kinn -, aber dann radelten wir alle gemeinsam die Weser hoch und runter, als gäb’s kein Morgen und bemerkten erst bei unserer Abreise, dass in diesen Tagen irgendjemand unser Auto durchwühlt hatte (zum Glück, ohne Schaden anzurichten oder fündig zu werden).

Hamburg, meine Perle

Auch Hamburg war mal unser Zuhause, ich hatte eine kleine, feine, süße Altbauwohnung mitten in Eimsbüttel, von der aus ich sonntags immer sehen konnte, ob die Menschenschlange für Hamburgs beste Franzbrötchen gerade eine verträgliche Länge hat, um sich anzustellen. Einige unserer Kölner Freunde sind in den letzten Jahren dorthin gezogen und wir hatten mal wieder Sehnsucht.

Wenn schon Hamburg mit dem Auto, dann nur noch mit Hybrid oder Vollstromer. Die Stadt bietet viele Möglichkeiten für E-Autos und wir konnten nahezu komplett emissionsfrei durch die Gegend fahren, weil man überall günstig sein Auto aufladen und kostenfrei im Innenstadtbereich parken darf. Allerdings kann man sich mit Auto einfach nicht so durch die Stadt treiben lassen wie mit dem Fahrrad. Weil es die Höchstparkdauer nicht zulässt oder weil man sich irgendwann so weit vom Auto entfernt, dass einer das Auto umparken muss. Und dann wird man noch ständig Teil der Blechlawine, die sich nur zentimeterweise durch die City bewegt und die Luft verpestet. Stauprobleme hat man als Radfahrer höchsten in Amsterdam und Kopenhagen (siehe weiter unten) und obwohl ich selbst erst seit einigen Jahren täglich Rad fahre, frage ich mich, warum wir Menschen uns in der eigenen Freiheit so einschränken und gleichzeitig einbilden, mit dem Auto in der Stadt „bequemer“ oder gar schneller unterwegs zu sein. Dabei meine ich nicht die täglichen Pendler, sondern die Kurzstreckenfahrten, die etwa 50 % der Fahrten mit Auto ausmachen.

Hamburg ist übrigens unsere Stadt der Liebe, dort lernten Orlando und ich uns vor ziemlich genau 12 Jahren kennen. Nachts um drei im Burger King auf der Reeperbahn. Orlando hatte eine Pappkrone auf dem Kopf, wir saßen bis Sonnenaufgang auf dem Spielbudenplatz, mit einer Gruppe Teenagern und zwei Landstreichern. Einer von denen prophezeite uns damals, wir seien wie geschaffen füreinander und werden eines Tages heiraten und Kinder bekommen… Darum gibt es übrigens dieses Foto von unserer Hochzeit und nein, das Catering kam aus ner anderen Küche!

Kopenhagenize

Die Alltagsprobleme der Autofahrer, wie wir sie in Hamburg erlebten, haben wir an unserer nächsten Station mal aus einem völlig neuen Blickwinkel kennengelernt. In Kopenhagen standen wir plötzlich als Radfahrer im Berufsverkehr, während die Autos freie Fahrt hatten. Das war für uns so skurril und außergewöhnlich, dass ich vor Freude am liebsten laut gejubelt und geheult hätte.

„Radeln in Kopenhagen ist wie Urlaub nach dem Krieg“ (Jan Küveler, DIE WELT)

Wir hatten für den gesamten Aufenthalt in der vielleicht entspanntesten Stadt der Welt Räder gemietet und sind von morgens bis abends sämtliche Wege abgefahren. Wo es uns gefiel, haben wir gehalten. Und wir waren immer wieder erstaunt, wie gut Auto, Fahrrad und Fußgänger koexistieren können, wenn jeder seinen Platz hat und nicht das Recht des Stärkeren gilt. Gut, die Dänen sind auch sehr entspannte und rücksichtsvolle Zeitgenossen, es wird so gut wie nie gehupt, gepöbelt, gedrängelt oder wild geparkt. Autofahrer warten beim Abbiegen, bis alle Radfahrer vorbeigezogen sind, die Ampelphasen sind für alle Verkehrsteilnehmer ausreichend lang und wenn ein Auto doch mal blöd steht, flippt der Radfahrer auch nicht gleich aus – wobei das Falschparken deutlich schmerzhafter für den Geldbeutel ist als in Deutschland, was seine Wirkung nicht verfehlt!!

Aber auch mal abgesehen vom Radfahren ist Kopenhagen eine fantastische Stadt für Familien. Es gibt so viele Parks und tolle Spielplätze, Kinder sind keine Störfaktoren. Im Nationalmuseet zahlt man als Erwachsener mit Kind weniger Eintritt, als wenn man kein Kind dabei hat. Ich habe noch nie so darüber nachgedacht, aber nur so macht es eigentlich Sinn, denn mit kleinen Kindern bleibt natürlich lange nicht so viel Aufmerksamkeit für die Ausstellung. Und oft gibt es in Museen kostenlose Buggies, wie praktisch, schleppt man den eigenen ja kaum mit dem Fahrrad durch die Gegend. Und, wie sollte es anders sein, gibt es einen großen öffentlichen Verkehrsübungsplatz, wo Kinder das Radfahren im Straßenverkehr üben können.

Glücklich abhängen

In Glücksburg an der Ostsee haben wir uns mit einem Großteil meiner Familie getroffen und uns hauptsächlich in unserer Glück-in-Sicht-Lodge oder am dazugehörigen Strand aufgehalten, ein Schätzchen, dass mein Papa mal wieder ausfindig gemacht hat. Wir hatten zwar Leihräder, die lohnten sich aber nicht wirklich. Einkaufsfahrten für 8 Personen werden auf einem normalen Fahrrad etwas wackelig, weshalb wir meist emissionsfrei mit unserem Hybrid zum Supermarkt gefahren sind. Die Glück-in-Sicht-Anlage betreibt in Zusammenarbeit mit dem Ökostromproduzenten Sunnic einen großen Solarpark in Glücksburg und speist die Häuser zu 100 % aus nachhaltigen und umweltfreundlichen Energiequellen. Die Solaranlage produziert so viel Strom, dass die Gäste der Lodge kostenfreie Stromladesäulen nutzen können. Es waren wunderbare Tage dort, der Ort ist perfekt mit Kleinkindern, die sich allabendlich mit den Nachbarsurlaubskindern zum Spielen und Fahrradfahren auf dem Vorplatz trafen. Wir kommen gerne mal wieder!

Ein Finale in prachtvoller Einöde

Auch wenn Frankreich nicht unbedingt auf dem Weg von der Ostsee nach Wiesbaden liegt, haben wir zum Abschluss unserer Sommerferien noch einmal den Schlenker ins Familienhaus in den Vogesen gemacht. Hier ist ein Ort, an dem wir alle zur Ruhe kommen und uns den ganzen Tag damit beschäftigen, einfach nur zu sein. Nachts ist es brutal ruhig, so ruhig wie an keinem anderen Ort, den ich kenne. Wir treffen uns dort oft mit Freunden, die zur Zeit am Genfer See leben und auch kleine Kinder haben. Diesmal sind auch noch Olga und Gregor von Tante Olga vorbeigekommen, sie machten in der Nähe Campingurlaub und besuchten uns. Olga fragte bei ihrer Ankunft: „Und was macht ihr hier den ganzen Tag so?“ und tat schließlich das gleiche wie wir: Essen, Trinken, Reden, die Kinder spielen, im See schwimmen, Lesen, Schreiben. Sein. In der knappen Woche, die wir dort verbrachten, habe ich nur zweimal das Grundstück verlassen: Einmal zum Einkaufen und einmal, um 500 Meter weiter auf einem kleinen Hügel die Mondfinsternis zu betrachten. Anfang September geht es wieder dorthin. Zur Apfelernte. Und wahrscheinlich werde ich wie so oft das Grundstück erst wieder zur Heimfahrt verlassen.

Als wir vor einem Jahr an den Stadtrand von Wiesbaden gezogen sind, wollten wir vor allem etwas Ruhe von der Großstadt, ohne die Großstadt ganz aufgeben zu müssen. Was wir in diesem Jahr und diesem Sommer gemerkt haben: Wir sind einfach Großstadtkinder. Wer weiß, vielleicht werden wir irgendwann wieder in einer größeren und quirligeren Stadt wohnen. Wenn wir sehr reich werden, ist das vielleicht sogar Kopenhagen. Eine Mischung aus Stadt und Landluft brauchen wir wie jeder andere wahrscheinlich auch. Doch würden Städte menschenfreundlicher werde, ist gutes Stadtleben die beste Basis für ein zero waste Leben. Die Wege sind oft kurz, vieles kann ohne Auto erledigt werden oder ist sogar komfortabler ohne Auto. Ohne Auto findet mehr Austausch zwischen den Bewohnern statt. Wohnraum wird in der Stadt meist effektiver genutzt, die Einfamilienhauskultur weiter draußen benötigt mehr Ressourcen, sorgt für Vereinzelung und die weiten Pendelstrecken für mehr Verkehr rein in die Stadt. Wir haben an unseren Urlaubsorten viele verschiedene Varianten erlebt und mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass Zero Waste in all seinen Facetten – und diesmal vor allem im Bezug auf den Verkehr – in der Stadt nicht Verzicht, wie das oft gedacht wird, sondern einen großen Gewinn an Lebensqualität bedeutet. Das find ich gut.

Dieser Text enthält keine Affiliate Links und keine Werbung, weder bezahlt noch unbezahlt. Verlinkte Unternehmen und Orte werden nur deshalb hier aufgeführt, weil sie Teil meiner Erlebnisse waren, die ich hier wiedergebe. Oder weil sie als Quellenangaben herangezogen werden.

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